17.06.2011

Ökumenisches Statement

von Geistl. Rat Pfarrer Harald Seredzun


1. Ein "Ökumenischer Chor" singt nicht unisono

... sondern in mehrstimmiger Harmonie. Ich halte dafür, dass für den Begriff der Ökumene der Begriff der Einheit von großer Bedeutung ist. Was verstehe ich unter Einheit?

Im Markusevangelium ist mit Bezug auf die biblische Schöpfungserzählung von der Einheit von Mann und Frau die Rede (Mk 10,6-8; Gen 1,27). Die Einheit von Mann und Frau meint nicht die Einheit von Gleichem, sondern die Einheit von Verschiedenem. Es ist sogar das Verschiedene, das diese Einheit ermöglicht. Die verschiedene Identität von Mann und Frau ist Voraussetzung, ist Konstitutivum ihrer Einheit.

Ich halte dafür, dass das, was hier über die Einheit von Mann und Frau gesagt ist, auf andere Lebensbereiche, bei denen es um Einheit geht, übertragen werden kann. Auch auf die Ökumene. Ich halte dafür, dass die ökumenische Einheit von der verschiedenen Identität der Konfessionen lebt, dass die Verschiedenheit der christlichen Kirchen die Einheit der Kirche Jesu Christi konstituiert. Daraus folgt: Die ökumenische Bewegung sollte nicht die Überwindung der Konfessionen anstreben, sondern vielmehr die Vielfalt, den Reichtum der konfessionellen Traditionen in die Einheit der Ökumene einbringen. Ein "Ökumenischer Chor" klingt dann besonders gut, wenn jeder seinen Ton richtig trifft. Mein Bild von Einheit ist eben nicht das Unisono, sondern die Harmonie des Verschiedenen.

Interessant ist weniger, was beim Anderen genau so ist wie bei mir. Interessant ist vielmehr, was beim Anderen anders ist. Dabei übersehe ich nicht die Tatsache, dass im Fundament der christlichen Konfessionen das Gemeinsame ungleich stärker ist als das Verschiedene.

Ich spreche bewusst immer vom Verschiedenen, nicht vom Trennenden. Ich habe nicht das Gefühl und ich sehe auch nicht, dass mich etwas von anderen christlichen Konfessionen trennt.

Begrifflich könnte man eine "dinghafte" und eine "personale" Einheit unterscheiden. Ein Bild für eine "dinghafte" Einheit wären zum Beispiel zwei Wassertropfen, die zusammen rollen. Dann wird aus zwei Identitäten eine. Wenn es um die Einheit von Menschen geht, geht es um Beziehung von Personen. Die Einheit von Personen durch ihre Beziehung macht nicht aus zwei Identiäten eine. Vielmehr lebt die Beziehung von einer starken Identität der Personen. Die Beziehung schafft Einheit, indem sie gegenseitig die Idenität der Partner stärkt und entfaltet.Konfessionelle Identität und ökumenische Einheit stehen in meiner Sichtweise dann im rechten Verhältnis zueinander, wenn Identität und Einheit sich zu gegenseitigem Wachstum verhelfen. Ich halte dafür, dass eine Überbetonung der Identität (ich nenne das "konfessionalistische Identität") sowohl auf Kosten der ökumenischen Einheit als auch auf Kosten der konfessionellen Identität geht. Die Entfaltung der jeweiligen Identität und die Vertiefung von Beziehung und Einheit dienen sich gegenseitig.

Ich halte dafür, dass bei der Suche nach Einheit Kompromisse eher zu Oberflächlichkeit führen.

2. Die historische Glaubensspaltung

... ist das Ergebnis menschlicher Schuld. Ich halte dafür, dass der Heilige Geist aus dieser Schuld eine "felix culpa" gemacht hat. Ich halte dafür, dass aus der Spaltung eine Vielfalt an spirituellem Reichtum der konfessionellen Traditionen hervorgegangen ist. Das mindert nicht das Schuldhafte menschlicher Schuld. Aber es zeigt die Übermacht der Gnade. Vielleicht sollte das Gebet zum Heiligen Geist nicht nur um noch mehr Fortschritte hin zur Einheit bitten. Vielleicht sollte es viel mehr darum bitten, dass der Heilige Geist uns erkennen lässt, wie viel Einheit er uns schon geschenkt hat. Ja, vielleicht ist das Geschenk der Einheit da, und wir brauchen lange Zeit, um es zu entdecken.

3. Eine "Ökumenische Konzelebration"

... in einem ökumenischen Gottesdienst wäre für mich die Vollendung der ökumenischen Einheit. Ich gestehe:Wie eine "Ökumenische Konzelebration" dogmatisch zu beschreiben wäre, sehe ich mich nicht in der Lage. Ich könnte wohl eine Eucharistiefeier oder ein Abendmahl dogmatisch beschreiben, wie ich es gelernt habe. Aber eine "Ökumenische Konzelebration" könnte ich dogmatisch nicht beschreiben.

Ich frage: Ist eine gültig und allgemein anerkannt beschriebene dogmatische Grundlage immer die Voraussetzung für gemeinsames geistliches Tun und für eine gemeinsame gottesdienstliche Feier? Ist es denkbar, dass der Heilige Geist so sehr die Einheit liebt, dass er zu Taten treibt, für die wir nach unserer Erkenntnis noch kein dogmatisches Fundament sehen? Ist es geistlich möglich, an einem geistlichen Haus zu bauen, obwohl gleichzeitig noch an dessen geistlichem und dogmatischen Fundament gebaut wird?

4. Ein Ökumenisches Gemeindezentrum

... hat nach meiner Meinung nicht die Aufgabe, Ökumene exemplarisch zu verwirklichen. Ökumenisches Leben ist grundsätzlich unabhängig von räumlicher Nähe. Die alltägliche räumliche Nähe schafft gewiss eigene Gewohnheiten, Berührungspunkte, Reibungsflächen, Begegnungen. Das schafft aber zunächst eine besondere Qualität der Nachbarschaft, nicht der Ökumene. Allerdings kann die Ökumene durch gute Nachbarschaft gewinnen. Aber einem Ökumenischen Gemeindezentrum muss keine theologische, spirituelle oder sonstige Vorreiterrolle zukommen. Ein Ökumenisches Zentrum entwickelt im Laufe der Zeit sicher besondere Formen des gemeinsamen Lebens. Das hängt von Personen und örtlichen Gegebenheiten ab. Solche Formen sind nicht ohne weiteres auf andere Gemeinden und deren ökumenische Beziehungen übertragbar.

Ich bete

... zum Heiligen Geist für die Vollendung der ökumenischen Einheit. Ich bete besonders dafür, dass der Heilige Geist uns erkennen lässt, welche Einheit er uns schon geschenkt hat.

 


 



 

Kath. Kirchengemeinde St. Jakobus