13.03.2020

Vortrag Prof. Dr. Werner Durth:

Zwischen Gartenstadt und Hochhausscheiben


Schon vor der Zeit strömten die Besucher zum Abend mit Prof. Werner Durth (Mitte) in die Philippuskirche. (Foto: U. Volke)

Werner Durth war die Begeisterung abzuspüren, mit der er den Kranichsteinern vor Augen führte, was für eine Besonderheit sie mit ihrem Stadtteil haben. Mehr als ein halbes Jahrhundert Architektur-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte werden hier sichtbar. Und Durth verstand es, dies auf eindrückliche Weise anschaulich zu machen und brillant Querverbindungen herzustellen. „Zwischen Gartenstadt und Hochhausscheiben“ hatte der renommierte Architekturprofessor, Architekturhistoriker und Soziologe seinen Blick auf Kranichstein überschrieben. Wunderbar, dieser Abend mit einem so kenntnisreichen Geburtstagsgast anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Ökumenischen Gemeindezentrums in diesem Jahr. Die Philippuskirche war voll. „Heute habe ich noch viel dazu gelernt“, resümierte zufrieden selbst ein Kranichsteiner Architekt.
Durths erster Blick auf Kranichstein aus der Luft zeigte eine Siedlung umgeben von Wald und Grünzügen, mit Seen, Häuseransammlungen und viel Grün dazwischen. Dahinter stehe die Idee der englischen Gartenstadt Ende des 19. Jahrhunderts. Raus aus den dunklen Massenquartieren, stattdessen eine an die Landschaft angepasste Besiedlung. Ernst May hatte sich in England kundig gemacht - und dann die Idee etwa in der Römerstadt in Frankfurt in den 20-er Jahren umgesetzt. Eine Reihenhaus-Besiedlung mit Gärten, die sich ans nördliche Niddatal anschmiegt. Die Weltwirtschaftskrise 1929 beendete die weiteren Pläne Mays für die Römerstadt abrupt.
Ähnlich sei es Ernst May mit Kranichstein ergangen, so Durth. In den 60-er Jahren sei Mays Entwurf eines „Waldsatelliten“ zu Darmstadt als zukunftsweisende Stadtplanung gefeiert und mit Vorschusslorbeeren bedacht worden. Als es dann an die Realisierung ging, machten diesmal nach Jahren des Wirtschaftswunders die Rezession und der Pillenknick einen Strich durch die Rechnung. Die ersten Hochhausscheiben standen, dazwischen die Bungalowsiedlung im Meißnerweg… Aber es gab keine Infrastruktur: keine Schule, keine Läden, keine Anbindung an Darmstadt. All das fehlte. Durth lobte, dass nun die Kranichsteiner Initiative ergriffen hätten und sich kümmerten. Von Anfang an seien die Kirchen wichtiger Partner dabei gewesen, damals schon in enger ökumenischer Verbundenheit. „Das weiß ich aus eigener Erfahrung“, streute Durth ein. Mitte der 70-er Jahre habe er seinen Sozialen Friedensdienst in der evangelischen Kirchengemeinde in Kranichstein gemacht und sich um die Jugend gekümmert. Ein damals von ihm gezeichnetes Festplakat hatte er mitgebracht. Sehr gekonnt! Eine Besucherin erinnerte sich an die Zeit: „Ich war damals 16 und oft dabei im Jugendkeller…“ Und fast ein wenig bedauernd: „Ach ja, inzwischen ist das 45 Jahre her.“
Von der englischen Gartenstadt um 1900 spannte Durth den Bogen zur weiteren Entwicklung Kranichsteins bis heute. Der in den 60-er Jahren so gefeierte Entwurf Mays sei in den 70-er Jahren zum Erliegen gekommen. Es gab Wettbewerbe für die weitere Gestaltung des Stadtteils. Daraus habe sich eine Vielfalt von Bau- und Wohnformen in Kranichstein entwickelt: die Abkehr von Hochhäusern, experimentelles Bauen, Niedrigenergie- und Passivhäuser, genossenschaftliches Wohnen sowie neue Wohnprojekte wie „Wohnsinn“ oder „Wohnart“. Kranichstein habe viel zu bieten an Architektur- und Kulturgeschichte der letzten 50 Jahre. Und: die Entwicklung dieses Stadtteils sei immer bürgerschaftlichen Engagements mit zu verdanken gewesen.

Dietmar Volke


 



 

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